mundart: unartige weanarisch-österreichische poesie

dieLuschin hat in der vergangenen Wochen begonnen immer wieder ganz derb wienerisch-österreichisch zu ihren kunstwerken zu dichten. nach h.c. artmann-manier, nur nach ihrem mund, der weder steirisch, noch weanarisch, noch kantnarisch, sondern ein gemisch aus allen möglichen dialekten ist. so ist sie halt. dieLuschin. von allem a bissl, von nix ganz viel.

virales weibaleiD

am fensterbrett

tuttnfett

oweschaun

nit aussi traun

zuvü viren

auskuriern

liaba woatn

am fenstergoatn

bleampln riachn

gsund dahinsiachn

leit vernadern

mitn lebn hadern

so schauts aus

eh ois oasch.

hea nit auf mi zu hoitn
in dera zeit, dera koitn
wo ois auf obstaund steht
nix mehr mit augreifn geht

mei haut ist schon ganz koit
wird ohne streicheln vü zu schnö oit
mei herz pumpat vü laungsama
seit dem gaunzn maskndrama

ois leisa, schoigedämpft
neamd der fiaranaunda kämpft
nua mehr egoistn, oi allan
herzn werdn zu stan

ka schmusn mehr, wüd und noss
liaba vernadern, übaroi nur hoss
da virus mocht die herzn hi
die lung is nur a alibi

Loss di treim
Hea auf zam schreim
Zam tippn, zam di drahn
Oafoch nua zrucklahn
Leg di eini ins gros
Huach zua bam hoppln di hos
Beim vegln di rech
Streck hoch di zech
Loss di hoar im wind
Spün wia’ra kind
Loss di foin, gaunz noch untn
Durt druntn
Wo ois fliagt
A leichtigkeit kriagt
Woach und nit hoat is
Loss gehn dei schiss
Ois nit wichtig
Nua do sein is richtig
Gspiar is gros
Greif au deis moos
Leg’s auf deine soagn
Vaschiab ois auf moagn
Loss di gehn
Loss ois stehn
Im gros
Loss los

Küss die Haund, gnä Frau,
geh, schaun’s net so genau,
druckn’S a Augal zua,
i waß, i bin net gnua füa eana,
bin ka gscheita, gstopfta Weana,
nur a Knüch, a Kloana,
kaum a Fleisch auf meine Boana,
die Zähnt foin ma a scho aussa,
die Hoar sant a boid olle draussa,
ois zaum mehr Lost wia Gwinn,
es mocht eh goa kan Sinn,
oba ans nua, daun gib i a Ruah,
a laungs schens Bussl nua,
auf die Waungan is scho gnua,
daun bin i a gaunz brava Bua.
Küss die Haund, gnä Frau,
kumm, san’S net so genau!

mei schens hiniges hirn

deis olles hinta da stirn

risse do und durt

olleweil is wos furt

vagessn und verlurn

ohne irgendwöche spurn

und trotzdem is es schen

mit olle seine splen

wei’s spinnt wunderbore tram

vo bunte fabrikn und rosa bam

baut wötn aus zuckerwattn

und hoasse tog im winter ohne schattn

drum egal, wie hinig es is

mei hirn is schen mit oi seine riss

Textauszug aus dem Roman: Die Insel der Aussenseiter*

*Dieser Roman bleibt aus persönlichen Gründen vorerst unveröffentlicht. Trotzdem gibt es hier einen Textauszug.

Frei

Mit jedem Höhenmeter wurde es kälter und der Wind schien ihn zurückwerfen zu wollen und trotzdem – nie zuvor hatte er sich freier gefühlt. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, die ihm die Anstrengung abverlangte, entledigte er sich des Korsetts alter Zwänge. Frei sein, atmen, tiefe alles erleichternde Atemzüge, rein, raus, die kalte, frische Luft öffnet die Brust. Eine dunkle Wolke schien ihm zu folgen, über seinem Kopf einen Regenschauer vorzubereiten, einer der ihn reinigen sollte. Wegwaschen, was er so lange für richtig hielt, seinen Weg gezeichnet hatte.

Er war stets ein vorbildhafter Mann gewesen. Tashi Namgyal. Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Geschäftsmann, Buddhist. In allem perfekt. Immer geregelt. Die Hemden glatt gebügelt, der Tagesablauf straff organisiert, Beginn fünf Uhr morgens, 108 Niederwerfungen im hauseigenen Tempel, die gerade gerückte Teetasse, derselbe Sitzplatz, die selbe Frisur, der Schnauzer getrimmt, millimetergenau, der Blick aufs Ziel gerichtet, Busfahrt um 07.35 von Thikse nach Leh, ein, zwei Umdrehungen mit dem Schlüssel und das kleine Geschäft am Leh Bazar ist geöffnet. Die Theke putzen, der Blick in den Spiegel, das Zurechtstreichen des Bartes, das Andrehen der Gebetsmühle, ein Om mani padme hum, eine Tasse Tee aus der zu Hause vorbereiteten Thermoskanne, das Geschäft geöffnet. Die freundlichen Blicke, die höfliche Ausdrucksweise, respektvoll – Julley! Kaga-ley! O-ley! Kasa-ley! Skyot-ley! Shuks-ley! Don-ley[1]!  – gebuckelt, gebeugt, Rückgrat krankmachend in der Beuge bis das Geschäft schließt. Der Gang zurück zum Bus – vorbei an Gebetsmühlen, die gedreht werden wollen, die Stupas andächtig im Uhrzeigersinn passierend, immer andächtig, sich dem Großen unterwerfend. Die Busfahrt nach Hause auf dem immer selben Platz, die Zeit nicht tagträumen, sondern dem stillen Gebet schenkend, mit fleißigen Fingern die Gebetskette abzählend – Ommanipadmehum, Ommanipadmehum, Ommanipadmehum … bis nach Thikse. Nur nicht denken. Alles immer richtig. Der Linie folgen. Nicht vom Weg abkommen.

Seine Frau hatte nie Interesse an seiner Heimkunft gezeigt. Einen Reiz hatte es in ihrer Beziehung nie gegeben. Wo sollte er also plötzlich nach all den Jahren herkommen? Feuchtes Holz, das nicht brennen will. Holz, das mit Absicht feucht gehalten wurde, denn Leidenschaft schafft Unregelmäßigkeit, Aufregung bringt ab vom Weg. Fünf verschiedene Gerichte sind die einzige Abwechslung des Tages. Was wird es heute sein? Die Spannung steigt, kaum zu ertragen. Tam, tam, tam! Es gibt Skiu[2]. Danke, Ama! Er nennt sie Ama – Mama-, seit sie Kinder haben. Sie schläft mit dem jüngsten der drei Kinder, der Sohn ist ihr Schutzschild. Er alleine. Besuch von ihr bekommt er keinen mehr. Schon lange nicht mehr. Die Pflichten sind erfüllt. Enthaltsamkeit als Verhütungsmittel. Ein Arrangement, das zur Gefühlsleere des Hauses passt.

Die alte Mutter von Tashi Namgyal begrüßt ihn Tag für Tag herzlich mit einem Nono Dorjey, bist Du endlich wieder da? Seit Jahren macht sie das sobald sie Tashi sieht. Die Demenz hat drei Kinder gelöscht, nur ihr viel geliebter Dorjey ist noch präsent. Nimmt Gestalt in Tashi Namgyal, dessen wahres Ich für sie verblasst ist, übermalt mit dicken Strichen in kräftigen Farben, nimmt der erfolgreiche Offizier Tsewang Dorjey auf ihm Form an. Fünf Jahre sind vergangen seitdem er in Fleisch und Blut vor seiner Mutter gestanden hatte. Der vielgeliebte Sohn hatte sich nie um die dahinsiechende Alte gesorgt, sein großer Bruder Tashi war der Mann der Verantwortung. Tashi Namgyal hatte es immer mit Fassung genommen. Gewohnt zurückzustecken. Überschwängliche Gefühle haben ihm immer Angst gemacht. Damit hat er nie umgehen können.

Und dann die Schmach. Seine Frau mit dem Nachbarn. Eng umschlungen, sich hingebende Blicke, hinter dem Haus. Er hätte es nicht sehen sollen, hätte erst später zu Hause sein sollen. Doch ein Bandh[3] wurde über Leh verhängt, das Geschäft war zu schließen und mit ihm sein Leben, so wie er es bislang gekannt hatte. Er hatte die Fassung behalten. Vorerst. Tiefe Atemzüge genommen. Ein. Aus. Ein. Meditative Beruhigung. Lahmlegen jeglicher Gefühlsregung. Zieh das Korsett an! Fest! Lass nicht los! Er hatte die Tür hinter sich geschlossen, die kichernden sich Liebenden, Turtelnden hinter sich gelassen. Bleib draußen, Du Unding, Du Zerstörer des Lebens! Entgleise nicht! Ruhe! Ruhe! Stille. Und dann: Das Bügeleisen, das für seine perfekten Hemden verantwortlich war, in seiner Hand, ein Satz und das teure Porzellan-Set – der Stolz des Hauses – war mit einem Mal zerstört worden. Durch ihn, durch seine Wut, in tausend Stücken am Boden. Das schöne, teure Porzellan! Das, das seine wertlosen Lippen nie hatte zu spüren bekommen. Nur die Münder der respektvollen, hohen Gäste, der würdevollen Lamas hatten die goldumrandeten Ränder der Tassen berührt. Noch bevor seine Frau aufgrund des plötzlichen Lärms das Haus betreten hatte, war er fort. Nicht nachdenkend hatte er Reißaus genommen, die Tür zu seinem bisherigen Leben geschlossen. War hinausgerannt, hinaus aus dem Dorf, das Hemd aus der Hose gezogen, den obersten Knopf ausgerissen, weil er ihm schon immer die Luft abschnürte. Einfach nur hinaus. Das Leben zeigte ihm sein wahres Gesicht, eines, das nicht auf Hochglanz poliert war, mit roten Wangen und Lippen, ein ebenes gleichmäßiges Gesicht wie bisher, sondern eines, das verzerrt war, alles andere als geradlinig und schön. Und er verstand, plötzlich und unter Schmerzen: alles nur Schein. Das Leben, wie er es bislang kannte, war bloßes Schauspiel, er eine Marionette, die Mundwinkel von einer kleinkarierten Gesellschaft zu einem freundlich-höflichem Grinser festgenäht. Er riss sich die Nähte von den Wangen und zuckte mit seinem Mund – Muskeln, die verlernt hatten sich zu bewegen. Ein böses Gesicht, ein gelangweilter Blick, ein trauriger, ein Lachen. Er übte. Die Bewegungen des Gesichts fielen ihm anfangs schwer. Doch er ließ nicht nach. Den Mund weit aufgerissen lachte er laut und aus voller Brust. Er lachte die grauslichen Pflichten seiner Vergangenheit aus seinem Bauch, die Regeln der Gesellschaft, die Richtlinien der Religion, die Gesetze seiner Heimat. Ein Schwall lautes Gelächter brach aus ihm heraus, befreite ihn von gefühlt tausend Kilo, die ihn auf den Boden der falschen Realität gedrückt, die sein Korsett festzogen hatten. Immer hatte er geglaubt glücklich zu sein, ein wünschenswertes Leben zu führen, doch nie hatte er sich so gefühlt wie jetzt. Auf der Flucht war er freier denn je. Seine Vergangenheit machte ihm Angst. Die Zukunft aber, allein irgendwo da draußen, wo keiner mehr lebte, wohin er nun strebte, bereitete ihm prickelnde Vorfreude. Ein kleines Kind, das zum ersten Mal Süßigkeiten bekommen sollte. Die dunkle Regenwolke über ihm, der kalte Wind, die Anstrengung des Aufstiegs, all das waren willkommene Vorboten, Wegbereiter eines neuen Lebens, eines freien Tashi Namgyals. Es begann zu regnen. Kalte, nasse Tropfen klopften auf seinen Kopf. Er blickte nach oben, öffnete den Mund, verteilte mit seinen Händen das erfrischende Nass auf seinem Gesicht, seinen Haaren, wusch sich den Alltag, die Familie, den Glauben aus den Poren, und schwor sich von nun an selbst wie eine Wolke zu sein. Sich treiben zu lassen vom Wind, mal schwer und schwarz werden, und sich wutentbrannt mit Blitz und Donner zu entladen, oder einfach nur den Tränen freien Lauf zu lassen und zu regnen. Ein andermal der Sonne Platz geben und selbst ganz weich sein, ein Wattebausch, der sich an seiner Leichtigkeit erfreut und vor sich hin schwebt. Nichts mehr sein wollen und Ziele verfolgen, einfach nur sein, was man ist. Im Hier und Jetzt. Ohne Zwang, ohne Grund, ohne eine Berechtigung zu brauchen und zu haben.

Noch bevor das Dunkel der Nacht hereinbrach, erreichte er eine alte, halb verfallene Steinhütte, einen Pullu[4], der einst Hirten mit ihren Schafen und Ziegen Unterkunft im Sommer gewährte. Hier ließ er sich nieder, schlief nicht wie sonst wie ein Toter, die Arme seitlich am Körper exakt parallel in der Horizontale, nein, wie ein Embryo im Mutterleib, an sich selbst geschmiegt, sich und seine Wärme spürend, genießend, sein neues Ich liebkosend einen tiefen festen Schlaf. Wie ein Neugeborenes, dessen Geburt ein langer, beschwerlicher Weg war.


[1] Höfichlichkeitsfloskeln in ladakhischer Sprache

[2] Traditionelles ladakhischer Eintopf mit Teigwaren

[3] Ein Bandh ist eine Art des Protests, die vor allem von politischen Aktivitisten genutzt wird. Man kann ihn mit einer Art Generalstreik gleichsetzen. Während eines Bandh werden die Bürger aufgefordert nicht zur Arbeit zu erscheinen und die Inhaber von Geschäften werden angehalten ihre Läden geschlossen zu halten.

[4] Pullus sind kleine Steinhütten, die während der Sommermonate auf den Almen den Hirten Behausung sind


Textauszug aus dem Roman: Die Lieder ihrer Hände

Hände voller Schönheit
Sie waren rau und warm zugleich. Nicht gewaltig, aber kräftig. Hände, die viele Menschen, viele Tiere, viele Dinge gespürt, gefühlt, bearbeitet, gebaut und zerstört hatten. Hände, die Liebe geben, aber auch Leben nehmen können. Keine gewalttätigen Hände, die aus Hass zerstörten, Hände, die aus der Not heraus, aus Hunger oder der Notwendigkeit heraus zerstörten. So waren sie, seine Hände. Es waren die schönsten Hände, die sie je gesehen hatte. Nicht, weil sie objektiven Kriterien der Schönheit entsprachen, sofern es diese überhaupt gab. Manche mögen nur den Schmutz unter den Fingernägeln und die tiefen Furchen sehen, in denen sich Reste von Begegnungen mit Kühen, Ziegen, Dung und den Arbeiten am Feld eingeschmiegt hatten. Und manche würden sich sogar gut überlegen, ob sie diese Hände überhaupt angreifen wollten, wenn sich keine unmittelbaren Desinfektionsmöglichkeiten im Nachhinein ergaben.
Sie hatte solche Touristen gesehen. Und sie konnte sich seltsamerweise an sie erinnern – welch‘ unwichtiges Detail und doch waren sie da. Die Touristen, die ihr da und dort – wo genau, wusste sie nicht – begegnet waren. Sie waren gierig nach den „authentischen“ Seiten des jeweiligen Reiselandes, hatten aber immer ein Desinfektionstüchlein bei der Hand, um sich die Authentizität schnell mal wieder abzuwischen, wenn sie ihnen zu nahe gekommen war. Alles sehen, aber nur nichts berühren. Und mit den Touristen erinnerte sie sich an eine Welt, die ihr bekannt war, vor der es sie ekelte, weil sie so steril war. Es war die Welt der Sagrotan-Elite, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, jedes bakterielle Lebewesen in ihrem Umkreis zu zerstören. Menschen, die in sterilen Bunkern lebten, sich auf strahlend weiße Betttücher legten und am liebsten duftende Blumen statt Kot scheißen würden. Das Deodorant einmal zu vergessen und den tatsächlichen Geruch seines Körpers zu riechen oder schlimmer noch, ihn andere Menschen riechen zu lassen: ein Faux-pas, der Albträume nach sich ziehen würde. Diese Welt kam ihr vertraut vor, doch sie war nicht Teil davon, verabscheute sie sogar.

Es gab für sie in diesem Moment nichts Ehrlicheres und Schöneres als die Hände von Meme Rigzin. Sie wünschte sich so klein wie eine Elfe zu sein, um sich in seinen Händen verkriechen zu können. In Embryonalstellung, ganz zurück zum Ursprung. Zu. Vollkommen sicher. Eingehüllt.

Vieles war ohnedies weg. Das Wissen darum, wie sie hierher gekommen war. Wie und wo sie überhaupt entstanden war, als menschliches Wesen. Die Vergangenheit ein tiefes, dunkles Brunnenloch, in das sie zwar hinabsah, aber kein Wasser, auch keinen trockenen Boden ausnehmen konnte. Erst als sie hier vor einigen Tagen zum ersten Mal Paljor und Meme wahrgenommen hatte, da nahmen die Dinge, das Erlebte wieder Gestalt an und wurden in ihrem Kopf abgespeichert. Paljor und sein Großvater machten ihr keine Angst, sie spürte, dass sie gute Menschen waren, die ihr nichts zuleide tun wollten. Sie hatte Schmerzen, wusste aber, dass es nicht sie gewesen waren, die ihr die Wunden zugefügt hatten. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich wie zu Hause. Ein fremdes, nie gekanntes Zuhause, aber eines das ihr gut tat. Sie verstand die beiden nicht, wie und was sie miteinander sprachen und doch vertraute sie ihnen. Nur eines machte ihr Angst: zu sprechen. Oder war die Fähigkeit zu sprechen verloren gegangen? Und machte ihr das Angst? Sie konnte denken in einer Sprache, die sie verstand, konnte sie aber nicht einordnen, nicht benennen.

Aus unerklärlichen Gründen war es ihr nicht möglich, den Mund zu öffnen und Laute durch ihn heraus dringen zu lassen. Sie wusste nicht wie. Das Selbstverständlichste der Welt war zu etwas geworden, das ihr wie die Besteigung des Mount Everest vorkam. Mit schlaffen Armen und Beinen stand sie vor diesem Riesenberg und wusste nicht, wie sie ihn je bezwingen sollte. Dieser Brocken vor ihren Augen, eingehüllt in dicke schwarze Wolken, mit unheilverkündendem Donnergebrummel und zackig schnellen Blitzen, die die Dunkelheit kurz in beängstigendes Licht tauchten. Dort wollte sie nicht rauf. Dort konnte sie nicht rauf.

Und dann war da seine Hand, ganz nahe bei ihr und sie arbeitete sich langsam und vorsichtig an sie heran. Millimeter um Millimeter führte sie ihre Hand näher an die seine. Ein kleines weißes Kätzchen, das mit einer hundertjährigen Schildkröte kuschelte. Ihre junge weiße Hand in der alten, schweren Hand des Meme. Geschichtslosigkeit in einem dicken Buch. Sie fühlte ihn, er fühlte sie. Sie fühlten miteinander. Und mit jeder Unze Gefühl wurde der Berg vor ihr kleiner und erschien ihr in naher Zukunft vielleicht sogar bezwingbar. Zwei Tränen rannen über ihre Wangen – eine rechts und eine links.

fast-endlos-schleife

mit der zeit gehen die worte

mit den worten gehen die gefühle

mit den gefühlen geht die trauer

mit der trauer geht die zeit

mit der zeit kommen worte

mit den worten kommen gefühle 

mit den gefühlen kommt trauer

mit der trauer geht die zeit

mit der zeit gehen die worte

mit den worten gehen die gefühle

mit den gefühlen geht die trauer

mit der trauer geht die zeit

mit der zeit kommt der tod

und aus.

klimaxzone

Achtung! Der folgende Text ist nicht so ganz jugendfrei. dieLuschin hat hier etwas über die Stränge geschlagen. Aber das darf sie auch. Sie ist ja schon groß.

klimaxzone

Sommersonntaglauerabend
Herzpochenwildtrabend
Schweissperlensuchenwege
Übernacktekörperbildenstege
Verschmelzenbebendeglieder
Sanftkämpferischekrieger
Jagenraketendurchblutbahnen
Zungenfingernippelumgarnen
Beckenanbeckenrhythmischewogen
Leidenschaftimgespanntenbogen
Schießtsichhochinerlösenderexplosion
Kurzeserholenschonrepetition
Raumzeitendlosklimaxiert
Wollentriebejugendlichexaltiert
Sommersonntaglauerabend
Herzpochenwildtrabend

Das kuschelweiche Gold der Nomaden

Für das Gras, das du eben gefressen hast, oh Ziege,
gib uns gute Pashmina.
Für das Wasser, das du eben getrunken hast, oh Ziege,
gib uns gute Pashmina.
Leg dich ins Gras und halt still, oh Ziege,
damit wir deine Pashmina nehmen können.

Lied eines Nomaden während des Auskämmens der Pashmina

Ladakh liegt im äußersten Norden Indiens, in der geopolitisch sensiblen Region zwischen Pakistan und Tibet. Das Karakorum und der Himalaya sind die beiden bestimmenden Gebirgsketten, der Indus wächst hier, von Tibet kommend, von einem kleinen Bach zu einem wilden, reißenden Fluss heran. Über nahezu ein Jahrtausend hinweg war Ladakh ein unabhängiges Königreich mit engen kulturellen Beziehungen zu Tibet. Erst 1834 verlor es seine Unabhängigkeit an die Dogra, die Hindu-Herrscher von Jammu, die das Schicksal der Hochgebirgswüste bis zum Anschluss an Indien im Jahre 1947 lenkten.

Die Menschen, die den Schafen und Ziegen folgen

Während die Mehrheit der Ladakhi der Agrarwirtschaft nachgeht, sind die Menschen im Osten des Landes Nomaden. Die Region Changthang, die geografische Fortführung des tibetischen Hochplateaus, ist ihre Heimat – gelegen auf durchschnittlich 4.500 Höhenmetern, mit klirrend kalten Wintern. Das Leben der Changpa, wie sich die Nomaden des Changthang nennen, ist eng an das ihrer Tiere gebunden. „Wir bleiben in Bewegung“, sagen sie, „denn wir sind die Menschen, die den Schafen und Ziegen folgen.“ Es sind die Schafe, Ziegen, Yaks und Pferde, die den Alltag der Changpa bestimmen. Wenn das ohnehin knappe Grün am Hochplateau abgegrast ist und das Wasser knapp wird, ziehen sie weiter. Oft bis zu zehnmal pro Jahr.

Das Vieh ist der Reichtum der Changpa. Gemüse- oder Getreideanbau ist auf dieser Höhe kaum noch möglich und wenn, wenig ertragreich. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich der Reichtum einer Familie an der Größe ihrer Herde bemisst: je mehr Schafe, Ziegen und Yaks, desto wohlhabender. Lange Zeit galten Schafe und Yaks als die wichtigsten Tiere einer nomadischen Herde, ihnen kam auch in spiritueller und ritueller Hinsicht große Bedeutung zu. Die Ziegen hingegen galten als minderwertig und waren auch unter den Hirten wenig beliebt, sind sie doch schwerer zu hüten. Wenn Hirten fluchen, dann auf die Ziegen, die Schafe bleiben davon verschont.

Doch die Nachfrage bestimmt das Angebot. Nachdem die Grenze zu Tibet aufgrund politischer Unruhen zwischen Indien und China in den 60er-Jahren geschlossen wurde und damit der traditionelle Handel mit Pashmina-Wolle von tibetischen Ziegen zum Erliegen kam, mussten die Changpa-Nomaden den Bedarf der ladakhischen und kaschmirischen Händler decken. Seitdem steigt die Zahl der Ziegen im Vergleich zu den Schafen kontinuierlich, und auch ihr bislang schlechter Ruf hat sich markant verbessert.

Pashmina – kuschelweiches Gold

Es ist nicht das gesamte Fell der Ziegen, das von Interesse ist. Auf die feine Unterwolle, die Pashmina, haben es die Händler abgesehen, daraus werden dann teure Schals und kuschelweiche Cashmere-Pullover gefertigt und weltweit vertrieben.

Ende Mai wird zum ersten Mal Pashmina mithilfe eines speziellen Kamms ausgekämmt. Während des Winters liegt die Pashmina-Wolle eng am Körper und wärmt die Ziege bei den bitterkalten Temperaturen. Die Nomaden sagen, dass man Pashmina erst dann entfernen darf, wenn die Ziegen das erste frische Gras gefressen haben. Dann hat sich die Unterwolle schon langsam aufgestellt und lässt sich leicht entfernen. Pashmina wird nie auf einmal, sondern in Abständen entfernt, sonst würde die Ziege frieren und krank werden. Die Unterwolle von alten und kranken Tieren wird oft erst im August ausgekämmt. Von einer männlichen Ziege können etwa 300 g Pashmina geerntet werden, von einer weiblichen etwas weniger. Gesamt produziert der Changthang etwa 40.000 kg Pashmina pro Jahr.

Unverarbeitet wird die Pashmina dann verkauft, sowohl an private Händler aus Ladakh und Kaschmir als auch an staatliche Kooperativen, wobei Erstere bevorzugt werden, da sie bessere Preise zahlen.

„Die beste Qualität reservieren wir für Kaschmir, die minderwertige für Himachal[i], und wir versuchen, nichts an die Regierung zu verkaufen!“, so ein Changpa-Nomade.

Wer will schon Nomade sein?

Obwohl der Preis für Pashmina in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist und einige wenige Familien, die über eine große Ziegenherde verfügen, auch gut damit verdient haben, wollen immer weniger Menschen als Nomaden leben. Nicht von ungefähr.

Das ohnehin schwere Leben der Nomaden wird durch den Klimawandel noch schwieriger. Gerade im Himalaya sind die Folgen des Klimawandels schon heute deutlich zu spüren. Die Gletscher schmelzen rapide und gefährden die Trinkwasserversorgung von Mensch und Tier in der Hochgebirgswüste Ladakhs. Gleichzeitig ist das Wetter unberechenbarer denn je. In den vergangenen Wintern haben die Schneefälle im sonst niederschlagsarmen Ladakh zugenommen, und für den Changthang hatte das zur Folge, dass die Tiere durch die ungewöhnlich hohe Schneedecke kaum noch Futter fanden. Allein im Winter 2013 verendeten 40.000 Tiere, fast 25 % der gesamten Viehpopulation.

„Diese drei Wintermonate mit ihren extremen Schneefällen waren für uns wie ein Alptraum. Ich fürchtete um unser eigenes Leben, und es gab wenig, was wir für unsere Tiere tun konnten. Wir hatten kaum noch Holz und Dung, da das meiste nass geworden war. Ich habe noch nie in meinem Leben so einen harten Winter erlebt.“ Meme Urgyan Tuktsa, 73, Hirte aus Korzok, über den Winter 2013.

Und dann wären da noch die Kinder. Aufgrund der allgemeinen Schulpflicht in Indien müssen natürlich auch die Nomadenkinder in die Schule. Im Changthang selbst gibt es nur wenige Schulen, und so werden viele Kinder in die Hauptstadt, nach Leh, geschickt, wo sie dann im Internat auf das Leben vorbereitet werden sollen – ein Leben, das mit dem eines Nomaden nichts zu tun hat. In den letzten Jahren gab es Versuche privater Organisationen, „fahrende Schulen“ zu organisieren, die mit den Nomaden von Weidegrund zu Weidegrund ziehen. Jedoch is t ein Lehrerjob an solchen Schulen so unbeliebt, dass es hier große personelle Schwierigkeiten gibt.

Weben an der Zukunft der Nomaden

Das Klima und die Zukunft ihrer Kinder sind die häufigsten Gründe, warum Nomaden in die Städte (bzw. die einzige Stadt Leh) abwandern. Sie verkaufen ihre Herden, was plötzlich viel Geld bringt – mehr als die Nomaden sonst zu haben gewohnt sind – und suchen ihr Glück in Leh. Doch das finden sie nur in den seltensten Fällen. Langzeitarbeitslosigkeit und Alkoholismus sind die größten Probleme der abgewanderten Nomaden.

Nach einer Legende der Changpa-Nomaden webt Dugmo, die Frau des mythischen Königs Gesar von Ling, an einem Stoff. Jahr für Jahr je eine Reihe, und wenn der Stoff endlich fertig ist und die letzte Reihe gewebt wurde, kommt die Welt zu einem Ende. Manche sagen, es sind nur noch 15 Reihen, die verbleiben … Es bleibt zu hoffen, dass sie noch länger an ihrem Webstuhl sitzt und die Probleme der Nomaden noch gelöst werden können.

Ahmed, Monisha: Living Fabric. Weaving among the Nomads of Ladakh Himalaya. Orchid Press, Bangkok 2002.

[i] Himachal Pradesh ist ein indischer Bundesstaat, der im Süden an Ladakh und Kashmir angrenzt

Paschminaschals aus Ladakh findest du übrigens unter diesem Link: