die vermessung der tiere

warum bewerten wir so unfair?

Menschen kategorisieren. Sie schubladisieren. In dumme, dreckige Schweine. In liebe, brave Hunde. In böse, kriminelle Ausländer. In gute, produktive Inländer. In schwache, minderbemittelte Frauen. In starke, kluge Männer.

Wir sagen, das sind Eigenschaften. In Wahrheit sind es Entscheidungen. Unsere Entscheidungen.

Warum wir überhaupt so denken

Unser Gehirn liebt Abkürzungen. Es sortiert, vereinfacht, reduziert. Das hat aus evolutionärer Sicht durchaus seinen Sinn: es ging darum, schnell zu erkennen, ob etwas gefährlich ist oder nicht. Wer zu lange nachgedacht hat, war tot. Also: einordnen, reagieren, überleben. Das Problem ist nicht, dass wir kategorisieren.

Das Problem ist, was wir daraus machen. 

Der Moment, in dem es kippt

Aus einem schnellen Eindruck wird ein Urteil. Aus einem Urteil wird eine Überzeugung. Aus einer Überzeugung wird ein System. Und plötzlich ist es nicht mehr nur Denken, sondern Rechtfertigung, Ideologie.

Rassismus.
Sexismus.
Speziesismus.

Nicht, weil wir es nicht besser wissen könnten. Sondern weil es bequem ist, es nicht zu hinterfragen.

Wie Abwertung funktioniert

Es passiert fast immer gleich:

Wir ziehen eine Grenze
→ Frauen, Ausländer:innen, Tiere

Wir sagen: „Die sind halt so“
→ als wären alle gleich
→ als wäre das unveränderlich

Wir machen sie kleiner und …
→ weniger klug
→ weniger wert
→ weniger fühlend

Und dann passiert das Entscheidende: was wir ihnen antun, wirkt plötzlich „eh okay“

Der Trick dahinter

Wir erzählen uns Geschichten, damit wir uns und unser Verhalten aushalten.

„Das Schwein ist ein Nutztier.“
„Es fühlt eh weniger.“
„Wir brauchen das.“

Oder:

„Die sind halt so.“
„Gefährlich.“
„Selbst schuld.“

Die Struktur ist identisch. Nur die Zielgruppe wechselt. Es geht nicht um Fakten. Sondern um Rechtfertigung.

Das Beispiel Schwein & Hund

Schwein und Hund. Ähnliche Fähigkeiten. Beide können Probleme lösen, lernen durch Beobachtung, bauen soziale Beziehungen auf, zeigen Emotionen, merken sich Dinge. In manchen Bereichen sind Schweine sogar überlegen (aus menschlicher Sicht).

Und trotzdem:

  • der Hund gilt als Freund*
  • das Schwein als Produkt*

Der Unterschied liegt nicht in dem, was sie können. Der Unterschied liegt darin, was wir in ihnen sehen wollen.

Was wir sehen wollen

Ein Hund hat einen Namen. Eine Geschichte. Einen Charakter.

Ein Schwein hat eine Nummer. Eines ist wie das andere.

Der Unterschied: Was wir als „wie wir“ erkennen, schützen wir. Was wir auf Abstand halten, können wir benutzen.

Das nennt man Dehumanisierung und Humanisierung. Was und wen wir humanisieren oder dehumanisieren folgt selten einer Logik.

Ja, wir bewerten unfair …

… und wir werden das nicht einfach abstellen.

Aber wir könnten wenigstens aufhören, so zu tun, als wäre es gerecht.

Denn: Jede Schublade ist zu klein für das, was wir hineinstecken.

Und jedes Mal, wenn wir sie schließen, entscheiden wir uns dafür, nicht genauer hinzusehen.