dereinst sprachen die alten:
wir haben länder vermessen,
tiere, körper, gebärmütter.
es ist an der zeit,
die liebe zu vermessen.
also zogen sie linien durch herzen.
grenzen durch begehren.
koordinaten über die haut.
sie legten fest
wer wen lieben darf.
wer wie stark.
wer mit welchem zweck.
und das regelwerk las sich so:
liebe hat funktional zu sein.
reproduktiv.
systemerhaltend.
gottgefällig.
frau liebt mann.
mann liebt frau.
alles andere gilt als störung.
denn liebe ist kein wohliger zustand.
liebe ist ordnungspolitik.
und so sollte geliebt werden:
frauen hingebungsvoll.
aufopfernd.
still.
mit der selbstauflösung als höchstem beweis.
männer lieben strategisch.
kontrolliert.
besitzergreifend.
und wenn sie schlagen, heißt es leidenschaft.
eifersucht wird romantisiert.
abhängigkeit wird zur treue.
der mann darf älter sein.
korrigiere: der mann sollte älter sein.
viel älter.
er darf formen, prägen, erziehen.
sein begehren kennt keine natürliche grenze –
nur gesellschaftliche,
aber selbst die sind verhandelbar.
die frau hat zu blühen.
jung zu sein.
begehrenswert.
wird dadurch naturgemäß austauschbar.
und dann sind da zwei männer.
oder zwei frauen.
oder zwei, die sich nicht einkasteln lassen wollen.
und lieben.
ohne funktion.
ohne fortpflanzungsauftrag.
ohne genehmigung.
und plötzlich wird sichtbar,
dass es dem system nie um liebe ging
sondern um macht.
denn wer liebt,
ohne sich unterzuordnen,
entzieht sich der vermessung.
ist vermessen.