
was passiert ist
seit einigen monaten ist mir aufgefallen, dass meine reels deutlich schlechter ausgespielt werden. nicht nur im explore, sondern teilweise nicht einmal mehr zuverlässig an meine eigenen follower:innen. die reichweite ist spürbar gesunken. zunächst bin ich davon ausgegangen, dass das an meinen inhalten liegt und dass ich daran „arbeiten“ müsste.
gleichzeitig liefen meine slides weiterhin gut bis sehr gut. auch politisch klare, feministische beiträge erreichten hohe reichweiten. das problem schien also nicht der inhalt an sich zu sein.
abgelehnte werbung und politische einordnung

seit einigen wochen wurden alle meine anzeigen abgelehnt, mit der begründung ads about social issues, elections or politics. jeder einspruch blieb erfolglos. für mich war das irritierend, denn ich betreibe keine hate speech, greife kaum reale personen an und arbeite vor allem mit systemkritik, machtverhältnissen und künstlerischer reflexion.
meine arbeit ist feministisch und systemkritisch. sie beschäftigt sich mit machtverhältnissen, strukturen und deren wirkung auf körper und gesellschaft. offenbar reicht genau das aus, um als „politisch“ markiert zu werden. nicht, weil ich politische meinungen bewerbe, sondern weil ich bestehende ordnungen sichtbar mache. was hier passiert, ist keine neutrale einordnung, sondern eine form der mundtotmachung: kunst, die analysiert und stört, wird im werbekontext ausgebremst.
kontakt mit meta und ernüchternde klarheit
daraufhin habe ich kontakt mit dem meta verified support aufgenommen – derzeit die einzige möglichkeit, überhaupt mit realen personen bei meta zu sprechen (was ich grundsätzlich schon eine heavy tatsache finde, aber das ist ein anderes thema). mein fall wurde geprüft, intern weitergeleitet und mit fachexpert:innen besprochen.
die rückmeldung war klar: die ablehnungen sind regelkonform. es handelt sich aus ihrer haltung nicht um zensur, sondern um eine technische klassifikation. feministische und gesellschaftskritische inhalte gelten im werbekontext als sensibel, unabhängig davon, ob sie hetzerisch, analytisch oder künstlerisch sind. die regeln hierfür wurden scheinbar in den letzten 12 monaten nachgeschärft.
das dilemma: haltung oder sichtbarkeit
ich stand damit vor der frage, ob ich meine inhalte entschärfen und seichter werden sollte – oder ob es möglich ist, trotz dieser einschränkungen politisch, feministisch und systemkritisch zu arbeiten.
ich habe mich bewusst für den zweiten weg entschieden.
lernen, wie frau die hürden umgeht
ich habe weiter recherchiert, ausprobiert und mit dem support gesprochen, um zu verstehen, wie diese hürden funktionieren und wie man sie umgehen kann, ohne die eigene haltung aufzugeben. nicht, weil ich dieses system gutheiße, sondern weil ich es problematisch finde, dass gerade feministische systemkritik auf diese weise strukturell ausgebremst wird.
nach einer relativ einfachen inhaltlichen anpassung eines reels war es schließlich möglich, dieses wieder zu bewerben. nicht, weil der inhalt damit unpolitisch geworden ist, sondern weil er für das system weniger eindeutig lesbar war.
ein hinweis aus solidarität
dieser abschnitt richtet sich ausdrücklich an alle, die systemkritisch, feministisch oder gesellschaftlich reflektiert arbeiten – künstler:innen, aktivist:innen, kulturarbeiter:innen, schreibende, denkende.
was ich hier teile, ist kein wachstumsratgeber, sondern eine notwendige übersetzung dessen, wie sichtbarkeit auf dieser plattform derzeit funktioniert. viele stoßen an dieselben unsichtbaren grenzen, oft ohne zu wissen, warum.
der wichtigste praktische hinweis
der aktuell wirksamste weg, um reichweiten-einschränkungen bei gesellschaftskritischen inhalten zu umgehen, ist eine klare trennung von verteilung und erklärung.
konkret heißt das:
– captions möglichst kurz halten oder ganz weglassen
– in captions keine politischen schlüsselbegriffe verwenden
– keine erklärenden oder einordnenden texte im ersten sichtbaren bereich
– den eigentlichen inhalt stattdessen in die kommentare verlagern (idealerweise als erster kommentar) – du kannst deinen kommentar auch fixieren, tu das aber erst etwas später
– oder in stories, slides oder externe texte auslagern
instagram bewertet captions deutlich strenger als kommentare oder stories. was im kommentar steht, wird seltener für die erste inhaltliche klassifikation eines reels oder posts herangezogen. dadurch kann ein beitrag zunächst ausgespielt werden, bevor die inhaltliche tiefe sichtbar wird.
diese strategie ist kein trick im klassischen sinn, sondern eine reaktion auf die technische realität der plattform: analyse wird sanktioniert, andeutung toleriert.
einfache tipps, um auf instagram politisch zu arbeiten und nicht völlig abzukacken
1. slides für tiefe, reels für sichtbarkeit
– längere gedanken, erklärungen, haltung → slides
– einstieg, stimmung, bild, bewegung → reels
du musst nicht alles in ein format pressen.
2. nicht alles erklären
– lieber andeuten als erklären
– ein gedanke pro post reicht
– der rest darf offen bleiben
wer alles ausformuliert, wird schneller gebremst.
3. ab und zu fragen statt erklären
– „wer profitiert davon?“
– „was gilt hier als normal?“
– „was bleibt unsichtbar?“
fragen öffnen, erklärungen schließen.
4. begriffe dosieren, nicht verbannen
– patriarchat, kapitalismus, systemkritik eher wenig einsetzen oder evtl. mit anderen worten / wortspielen umschreiben.
manchmal reicht:
– ordnung
– strukturen
– regeln
– nicht zufällig
zu klare worte missfallen offenbar.
5. ich-nachrichten
– „ich beobachte …“
– „mir fällt auf …“
– „ich frage mich …“
frau darf nicht belehren.
6. akzeptieren, dass nicht alles gleich weit geht
manches läuft, manches nicht.
– einzelne posts dürfen „untergehen“
– konsistenz ist wichtiger als jeder einzelne hit
– reichweite kommt in wellen
… aber trotzdem nicht aufgeben.
fazit
mich kotzt das alles ehrlich gesagt an. ich hasse es, wenn man mir den mund verbietet, wenn man mich abmahnt. und es wär jetzt natürlich das sinnvollste den kackverein zu verlassen und darauf zu verzichten, aber ich hab zwei sehr triftige gründe das nicht zu tun:
- sichere ich mir als künstlerin einen großen teil meines lebensunterhalts über verkäufe, die direkt oder indirekt aus meiner arbeit auf instagram resultieren. tu ich das nicht mehr, muss ich mich rein auf verkäufe durch galerien verlassen und begebe mich hier in eine abhängigkeit, die es mir um einiges schwerer machen würden.
- finde ich es einfach auch super wichtig auf social media für eine gerechtere und bessere welt einzutreten. tun wir das nicht mehr, überlassen wir diese plattformen den rechten, den kapitalist:innen, den zerstörer:innen und alphamännern. und das will ich nicht zulassen.
