Ja, da hängt ein Jesus über dem Golf von Triest, aber es geht mir nicht um eine Abrechnung mit dem Christentum, ich will nicht kleinlich sein, es geht mir um eine Abrechnung mit allen großen von Männern entworfenen Religionen, nicht aus Intoleranz, möge jeder glauben was er oder sie will, sondern aus einem anderen Grund, weil Religionshüter in ihrer Vermessenheit bis heute die Welt und das Leben aller ein- und begrenzen und bis ins letzte Detail vermessen.
Jesus hängt auf einer Karte des ehemaligen Jugoslawien, einem Staat der sich säkulär verstand. Und trotzdem, Kirchen, überall, eingezeichnet, ganz selbstverständlich, auf einer kommunistischen Karte, weil Religion auch da wirkt, wo sie offiziell wegsäkularisiert wurde.
Sie braucht keine Mullers an der Spitze, keine Präsidenten, die sich selbstverliebt als Heiland inszenieren, sie ist da, weil über Jahrhunderte eingeimpft, indoktriniert, unter die Haut tätowiert.
Sie wohnt im Schoko-Osterei, in jedem unüberlegt ausgesprochenen Fluch, in Gerichtsurteilen und in jedem Schulzimmer. Genau dort beginnen die Fäden, unsichtbar oder sichtbar, gespannt über alles hinweg. Sie werden gezogen, nicht von Gott, von denen die Religionen längst für sich beansprucht haben, losgelöst von dem, was sie einmal behauptet hat, zu sein. Mitgefühl, Miteinander, Füreinander. Übrig geblieben ist ein Instrument, in den Händen falscher Propheten. Sie sprechen nicht mehr von Glauben, sie sprechen von Recht und handeln danach, sie führen Kriege, erobern, unterdrücken, beuten aus und nennen es Ordnung. Sie ziehen Grenzen durch Welt und Leben, durch Körper und Denken und sichern sich Macht mit etwas, das sich nicht widersprechen lässt.
So wird Religion vermessen, nicht als Glaube, sondern als Anspruch.