die vermessung der psyche

wir vermessen die psyche, als wäre sie terrain. ziehen linien, setzen marker, definieren bereiche. hier gesund. dort krank. hier funktionierend. dort behandlungsbedürftig. und wir tun das nicht nur in diagnosen. wir tun es im alltag. schnell. beiläufig. oft ohne widerstand.

ex-partner:innen werden zu narzisst:innen erklärt. beziehungen „toxisch“. verhalten, das uns irritiert oder verletzt, wird mit pathologischen begriffen belegt. menschen sind „gestört“, „geisteskrank“, „nicht ganz dicht“ – und im nächsten schritt „gehören sie in die klappse“. es geht schnell. zu schnell. und ich nehme mich hier nicht aus. auch ich pathologisiere. und mache selbst vor mir nicht halt.

aber mit jedem dieser begriffe verschieben wir grenzen. wir ordnen ein, grenzen aus, machen komplexität handhabbar. wir reduzieren, was wir nicht verstehen, auf etwas, das wir benennen können.

aber wo verläuft diese grenze zwischen gesund und krank wirklich? wer hat sie gezogen? und worauf basiert sie?
sie wirkt präzise. wissenschaftlich. als ließe sie sich eindeutig bestimmen. und doch ist sie beweglich. und ändert sich laufend. abhängig von zeit, kontext, gesellschaft. von normen, die sich verändern. von systemen, die definieren, was noch akzeptabel ist – und was nicht mehr. in diesem sinn ähnelt sie anderen grenzen, die wir kennen: sie ist gezogen. sie ist verteidigt. sie ist wirksam. aber sie ist nicht neutral. nicht naturgegeben. nicht absolut.

wie viele staatsgrenzen dieser welt ist auch diese linie ein resultat von entscheidungen, von macht, von notwendigkeit. und manchmal von vereinfachung. nur dass hier keine länder getrennt werden. sondern zustände. verhalten. menschen. und vielleicht liegt die eigentliche frage nicht darin, wo genau diese grenze verläuft. sondern wie leichtfertig wir sie täglich verschieben.