die vermessung der arbeit

die gesellschaft misst arbeit nicht nach notwendigkeit, sondern nach verwertbarkeit. nicht danach, was leben erhält, sondern danach, was geld erzeugt.

erziehen, pflegen, schützen, begleiten. all das hält die welt am laufen. ohne diese tätigkeiten gäbe es keine arbeitskräfte, keine märkte, keine produkte, keine zukunft. und trotzdem werden genau diese arbeiten systematisch entwertet: schlecht bezahlt, ausgelagert, privatisiert oder gleich ganz unsichtbar gemacht.

gleichzeitig werden tätigkeiten überhöht, die oft keinen direkten bezug zum realen leben haben, aber kapital bewegen. dort, wo geld mehr geld erzeugt, wird präzise gemessen, bewertet, entlohnt. dort gilt arbeit als anspruchsvoll, relevant, leistungsstark. fürsorge hingegen wird als etwas anderes erzählt: als charaktereigenschaft, als moral, als natur.


und genau hier beginnen die sprüche. sie hängen gestickt an wänden, weich formuliert, scheinbar harmlos. mutterliebe als höchster wert, als etwas reines, grenzenloses. sie erhöhen die mutter – und fixieren sie gleichzeitig. denn wer zur quelle bedingungsloser liebe erklärt wird, arbeitet nicht mehr, sondern „ist einfach so“. und was einfach so ist, braucht keinen lohn. „mutterliebe kennt kein maß“ klingt wie verehrung, ist aber eine klare setzung: deine arbeit hat keine grenze. dein einsatz ist selbstverständlich. dein erschöpftsein ist kein argument. diese sprüche sind keine unschuldige folklore. sie sind kulturtechnik. sie wiederholen ein bild so lange, bis es wie natur wirkt. die gute mutter gibt. sie fordert nicht. sie rechnet nicht. sie hält aus. und genau dieses bild sorgt dafür, dass fürsorgearbeit weiterhin nicht als arbeit verhandelt wird. währenddessen fehlen die konsequenten lösungen: existenzsichernde bezahlung, pensionsmodelle, die care-arbeit anerkennen, strukturen, die unabhängigkeit ermöglichen statt abhängigkeit vom partner zu zementieren. alleinerziehende landen überdurchschnittlich oft in armut, frauen in altersarmut. weil sie ein ideal reproduziert, das ökonomisch nicht abgesichert ist. die erhöhung ersetzt die absicherung. man feiert die aufopferung und organisiert gleichzeitig die prekäre zukunft.