die vermessung der männlichkeit

oh männer, ihr männer, ich verrat euch eines:
ich würd nicht mit euch tauschen wollen.

nicht trotz all der hürden.
nicht trotz all der leiden.
nicht trotz all der ungerechtigkeiten, die ihr uns auferlegt habt.
sondern deshalb, weil ich nicht so werden wollen würde wie ihr werden musstet.

so vermessen.
so verbissen.
so abgeriegelt.
immer hart.
immer kontrolliert.
immer in bereitschaft,
als wär zärtlichkeit ein verrat
und weichheit ein makel.

festgezurrt in ultrastarren konventionen,
wie maschinen mit menschenhaut.
funktionieren.
aushalten.
weiter.

schmerzen schlucken.
tränen schlucken.
sorgen schlucken.
wut schlucken,

bis sie als vulkan aus purer gewalt ausbricht
oder als schweigen zu stein erstarrt.

dieses alte, feige schweigen,
auf dessen fundament unsere gefängnisse gebaut sind.

geschwürverknotete mägen.
enge brüste.
starre kiefer.
und nur ja nichts lösen.
nur ja nichts fühlen.
denn sonst könnte es rauskommen:
das menschliche.
das weiche.
die liebe.
die sehnsucht, klein sein zu dürfen.
still sein zu dürfen.
einfach sein zu dürfen,
ohne rangkampf, ohne pose, ohne panzer.

und doch haltet ihr fest
an dem schloss eures inneren gefängnisses,
tragt den schlüssel sogar selber mit euch herum
wie eine auszeichnung,
wie einen orden aus eisen,
den euch dieselben alten patriarchen umgehängt haben,
die euch nie geliebt haben,
nur gebraucht.

als soldaten.
als konkurrenten.
als kanonenfutter.
als pickende profitgierhähne
im ring eines systems,
das euch gegeneinander hetzt
und uns unter euch begräbt.

ihr verschenkt eure freiheit.
eure liebe.
eure besten seiten.
für eine männlichkeit,
die euch verhärtet
und uns verletzt.

anstatt mit euren schwestern eins zu sein.
anstatt die koordinaten zu sprengen.
die raster zu radieren.
die karten zu verbrennen.
und endlich etwas anderes zu werden
als das, was man aus euch gemacht hat.