Textauszug aus dem Roman: Die Insel der Aussenseiter*

*Dieser Roman bleibt aus persönlichen Gründen vorerst unveröffentlicht. Trotzdem gibt es hier einen Textauszug.

Frei

Mit jedem Höhenmeter wurde es kälter und der Wind schien ihn zurückwerfen zu wollen und trotzdem – nie zuvor hatte er sich freier gefühlt. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, die ihm die Anstrengung abverlangte, entledigte er sich des Korsetts alter Zwänge. Frei sein, atmen, tiefe alles erleichternde Atemzüge, rein, raus, die kalte, frische Luft öffnet die Brust. Eine dunkle Wolke schien ihm zu folgen, über seinem Kopf einen Regenschauer vorzubereiten, einer der ihn reinigen sollte. Wegwaschen, was er so lange für richtig hielt, seinen Weg gezeichnet hatte.

Er war stets ein vorbildhafter Mann gewesen. Tashi Namgyal. Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Geschäftsmann, Buddhist. In allem perfekt. Immer geregelt. Die Hemden glatt gebügelt, der Tagesablauf straff organisiert, Beginn fünf Uhr morgens, 108 Niederwerfungen im hauseigenen Tempel, die gerade gerückte Teetasse, derselbe Sitzplatz, die selbe Frisur, der Schnauzer getrimmt, millimetergenau, der Blick aufs Ziel gerichtet, Busfahrt um 07.35 von Thikse nach Leh, ein, zwei Umdrehungen mit dem Schlüssel und das kleine Geschäft am Leh Bazar ist geöffnet. Die Theke putzen, der Blick in den Spiegel, das Zurechtstreichen des Bartes, das Andrehen der Gebetsmühle, ein Om mani padme hum, eine Tasse Tee aus der zu Hause vorbereiteten Thermoskanne, das Geschäft geöffnet. Die freundlichen Blicke, die höfliche Ausdrucksweise, respektvoll – Julley! Kaga-ley! O-ley! Kasa-ley! Skyot-ley! Shuks-ley! Don-ley[1]!  – gebuckelt, gebeugt, Rückgrat krankmachend in der Beuge bis das Geschäft schließt. Der Gang zurück zum Bus – vorbei an Gebetsmühlen, die gedreht werden wollen, die Stupas andächtig im Uhrzeigersinn passierend, immer andächtig, sich dem Großen unterwerfend. Die Busfahrt nach Hause auf dem immer selben Platz, die Zeit nicht tagträumen, sondern dem stillen Gebet schenkend, mit fleißigen Fingern die Gebetskette abzählend – Ommanipadmehum, Ommanipadmehum, Ommanipadmehum … bis nach Thikse. Nur nicht denken. Alles immer richtig. Der Linie folgen. Nicht vom Weg abkommen.

Seine Frau hatte nie Interesse an seiner Heimkunft gezeigt. Einen Reiz hatte es in ihrer Beziehung nie gegeben. Wo sollte er also plötzlich nach all den Jahren herkommen? Feuchtes Holz, das nicht brennen will. Holz, das mit Absicht feucht gehalten wurde, denn Leidenschaft schafft Unregelmäßigkeit, Aufregung bringt ab vom Weg. Fünf verschiedene Gerichte sind die einzige Abwechslung des Tages. Was wird es heute sein? Die Spannung steigt, kaum zu ertragen. Tam, tam, tam! Es gibt Skiu[2]. Danke, Ama! Er nennt sie Ama – Mama-, seit sie Kinder haben. Sie schläft mit dem jüngsten der drei Kinder, der Sohn ist ihr Schutzschild. Er alleine. Besuch von ihr bekommt er keinen mehr. Schon lange nicht mehr. Die Pflichten sind erfüllt. Enthaltsamkeit als Verhütungsmittel. Ein Arrangement, das zur Gefühlsleere des Hauses passt.

Die alte Mutter von Tashi Namgyal begrüßt ihn Tag für Tag herzlich mit einem Nono Dorjey, bist Du endlich wieder da? Seit Jahren macht sie das sobald sie Tashi sieht. Die Demenz hat drei Kinder gelöscht, nur ihr viel geliebter Dorjey ist noch präsent. Nimmt Gestalt in Tashi Namgyal, dessen wahres Ich für sie verblasst ist, übermalt mit dicken Strichen in kräftigen Farben, nimmt der erfolgreiche Offizier Tsewang Dorjey auf ihm Form an. Fünf Jahre sind vergangen seitdem er in Fleisch und Blut vor seiner Mutter gestanden hatte. Der vielgeliebte Sohn hatte sich nie um die dahinsiechende Alte gesorgt, sein großer Bruder Tashi war der Mann der Verantwortung. Tashi Namgyal hatte es immer mit Fassung genommen. Gewohnt zurückzustecken. Überschwängliche Gefühle haben ihm immer Angst gemacht. Damit hat er nie umgehen können.

Und dann die Schmach. Seine Frau mit dem Nachbarn. Eng umschlungen, sich hingebende Blicke, hinter dem Haus. Er hätte es nicht sehen sollen, hätte erst später zu Hause sein sollen. Doch ein Bandh[3] wurde über Leh verhängt, das Geschäft war zu schließen und mit ihm sein Leben, so wie er es bislang gekannt hatte. Er hatte die Fassung behalten. Vorerst. Tiefe Atemzüge genommen. Ein. Aus. Ein. Meditative Beruhigung. Lahmlegen jeglicher Gefühlsregung. Zieh das Korsett an! Fest! Lass nicht los! Er hatte die Tür hinter sich geschlossen, die kichernden sich Liebenden, Turtelnden hinter sich gelassen. Bleib draußen, Du Unding, Du Zerstörer des Lebens! Entgleise nicht! Ruhe! Ruhe! Stille. Und dann: Das Bügeleisen, das für seine perfekten Hemden verantwortlich war, in seiner Hand, ein Satz und das teure Porzellan-Set – der Stolz des Hauses – war mit einem Mal zerstört worden. Durch ihn, durch seine Wut, in tausend Stücken am Boden. Das schöne, teure Porzellan! Das, das seine wertlosen Lippen nie hatte zu spüren bekommen. Nur die Münder der respektvollen, hohen Gäste, der würdevollen Lamas hatten die goldumrandeten Ränder der Tassen berührt. Noch bevor seine Frau aufgrund des plötzlichen Lärms das Haus betreten hatte, war er fort. Nicht nachdenkend hatte er Reißaus genommen, die Tür zu seinem bisherigen Leben geschlossen. War hinausgerannt, hinaus aus dem Dorf, das Hemd aus der Hose gezogen, den obersten Knopf ausgerissen, weil er ihm schon immer die Luft abschnürte. Einfach nur hinaus. Das Leben zeigte ihm sein wahres Gesicht, eines, das nicht auf Hochglanz poliert war, mit roten Wangen und Lippen, ein ebenes gleichmäßiges Gesicht wie bisher, sondern eines, das verzerrt war, alles andere als geradlinig und schön. Und er verstand, plötzlich und unter Schmerzen: alles nur Schein. Das Leben, wie er es bislang kannte, war bloßes Schauspiel, er eine Marionette, die Mundwinkel von einer kleinkarierten Gesellschaft zu einem freundlich-höflichem Grinser festgenäht. Er riss sich die Nähte von den Wangen und zuckte mit seinem Mund – Muskeln, die verlernt hatten sich zu bewegen. Ein böses Gesicht, ein gelangweilter Blick, ein trauriger, ein Lachen. Er übte. Die Bewegungen des Gesichts fielen ihm anfangs schwer. Doch er ließ nicht nach. Den Mund weit aufgerissen lachte er laut und aus voller Brust. Er lachte die grauslichen Pflichten seiner Vergangenheit aus seinem Bauch, die Regeln der Gesellschaft, die Richtlinien der Religion, die Gesetze seiner Heimat. Ein Schwall lautes Gelächter brach aus ihm heraus, befreite ihn von gefühlt tausend Kilo, die ihn auf den Boden der falschen Realität gedrückt, die sein Korsett festzogen hatten. Immer hatte er geglaubt glücklich zu sein, ein wünschenswertes Leben zu führen, doch nie hatte er sich so gefühlt wie jetzt. Auf der Flucht war er freier denn je. Seine Vergangenheit machte ihm Angst. Die Zukunft aber, allein irgendwo da draußen, wo keiner mehr lebte, wohin er nun strebte, bereitete ihm prickelnde Vorfreude. Ein kleines Kind, das zum ersten Mal Süßigkeiten bekommen sollte. Die dunkle Regenwolke über ihm, der kalte Wind, die Anstrengung des Aufstiegs, all das waren willkommene Vorboten, Wegbereiter eines neuen Lebens, eines freien Tashi Namgyals. Es begann zu regnen. Kalte, nasse Tropfen klopften auf seinen Kopf. Er blickte nach oben, öffnete den Mund, verteilte mit seinen Händen das erfrischende Nass auf seinem Gesicht, seinen Haaren, wusch sich den Alltag, die Familie, den Glauben aus den Poren, und schwor sich von nun an selbst wie eine Wolke zu sein. Sich treiben zu lassen vom Wind, mal schwer und schwarz werden, und sich wutentbrannt mit Blitz und Donner zu entladen, oder einfach nur den Tränen freien Lauf zu lassen und zu regnen. Ein andermal der Sonne Platz geben und selbst ganz weich sein, ein Wattebausch, der sich an seiner Leichtigkeit erfreut und vor sich hin schwebt. Nichts mehr sein wollen und Ziele verfolgen, einfach nur sein, was man ist. Im Hier und Jetzt. Ohne Zwang, ohne Grund, ohne eine Berechtigung zu brauchen und zu haben.

Noch bevor das Dunkel der Nacht hereinbrach, erreichte er eine alte, halb verfallene Steinhütte, einen Pullu[4], der einst Hirten mit ihren Schafen und Ziegen Unterkunft im Sommer gewährte. Hier ließ er sich nieder, schlief nicht wie sonst wie ein Toter, die Arme seitlich am Körper exakt parallel in der Horizontale, nein, wie ein Embryo im Mutterleib, an sich selbst geschmiegt, sich und seine Wärme spürend, genießend, sein neues Ich liebkosend einen tiefen festen Schlaf. Wie ein Neugeborenes, dessen Geburt ein langer, beschwerlicher Weg war.


[1] Höfichlichkeitsfloskeln in ladakhischer Sprache

[2] Traditionelles ladakhischer Eintopf mit Teigwaren

[3] Ein Bandh ist eine Art des Protests, die vor allem von politischen Aktivitisten genutzt wird. Man kann ihn mit einer Art Generalstreik gleichsetzen. Während eines Bandh werden die Bürger aufgefordert nicht zur Arbeit zu erscheinen und die Inhaber von Geschäften werden angehalten ihre Läden geschlossen zu halten.

[4] Pullus sind kleine Steinhütten, die während der Sommermonate auf den Almen den Hirten Behausung sind